Kennst du das?

Jeder erlebt die Erkrankung des Vaters oder der Mutter anders und geht unterschiedlich damit um. Dennoch hat sich in unserer jahrelangen Arbeit mit dem Thema gezeigt, dass es typische Gefühle und Reaktionen gibt. Vielleicht findest du dich in manchen der folgenden Punkte wieder:

Ich vermisse sie*ihn!

Du trauerst um deinen Elternteil, der nicht mehr so ist, wie er war. Oder, der nie so war, wie du ihn dir gewünscht hättest. Du kannst mit ihm nicht so sein, wie Freund*innen mit ihrem Vater oder ihrer Mutter und das vermisst du. 

Dir fehlt Geborgenheit und Aufmerksamkeit, weil deine Mutter oder dein Vater dich nur noch selten in den Arm nimmt und weniger Zeit für dich hat als früher. 

Ist es meine Schuld?

Schuldgefühle machen sich breit, da du vielleicht denkst:

  • Wenn ich in letzter Zeit nicht so faul gewesen wäre, dann wäre Mama nicht so überlastet gewesen und nicht krank geworden. Oder:
  • Wenn ich alles richtig machen würde, dann müsste es Papa doch wieder besser gehen. Oder:
  • Wenn ich mich nicht so viel mit meinem Bruder gestritten hätte, dann wäre Mama nicht so gestresst gewesen. Jetzt ist sie krank, weil alles zuviel war. Oder:
  • Weil wir Kinder so viel kosten, hat Papa immer mehr arbeiten müssen. Nun ist er zusammengebrochen. 

Ich kenn mich nicht mehr aus!

Du spürst Angst und Verwirrung, weil das Verhalten, Denken und Fühlen deines erkrankten Elternteils fremd und unheimlich ist.

Ich schäme mich!

Du beginnst dich für das merkwürdige und peinliche Verhalten deines Vater/ deiner Mutter zu schämen.
Oft ist deine Mutter komisch anzuschauen, da sie sich in ihrer Verwirrung seltsam auffällig kleidet.
Oder dein Vater riecht nicht gut, da er es aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr schafft, sich zu waschen. Sie können vielfach nicht mehr das leisten, was sie früher leisten konnten oder was andere Eltern leisten können. Dadurch verändert sich auch euer gesamtes Familienleben. 

Ich kann das niemanden erzählen!

Mit Freund*innen, deren Eltern, deinen Verwandten oder auch Lehrer*innen zu sprechen, scheint dir oft aus mehreren Gründen nicht möglich. Einerseits wollen viele erkrankte Menschen nicht, dass über sie gesprochen wird, andererseits traust du dich aus Scham auch nicht, über deine Familiensituation zu sprechen.

Außerdem hast du das Gefühl, dass in der Gesellschaft über psychische Erkrankungen und die damit verbundenen Probleme nicht gerne gesprochen wird. Und wenn doch, dann oft in einer abwertenden Weise wie z.B. "Deine Mutter ist doch nicht mehr ganz dicht. Die kann man ja nicht mehr ernst nehmen." So legt sich Schweigen über die ganze Problematik und du fühlst dich mit der Zeit einsam und alleine gelassen. 

Aber ich brauche sie doch!

Gerade als Kind und auch als Jugendlicher bist du noch sehr angewiesen auf deine Eltern. Du brauchst sie, weil sie dich begleiten und führen, sie dir vieles beibringen, sie dir Liebe und Aufmerksamkeit schenken und dich versorgen. Hinzu kommt, dass sie vieles in deinem Leben bestimmen können und dürfen. Du lebst also in einer besonderen Abhängigkeit und Nähe zu ihnen.

Wenn ein Elternteil erkrankt, ist er meist schon mit seinen eigenen Problemen so überfordert, dass die notwendige Zuwendung und Aufmerksamkeit dir gegenüber fehlt. Nicht genug damit, bekommst du die negativen Gefühle wie Angst und Aggression zu spüren. Da du aber nicht einfach sagen kannst, "mir reicht es, ich gehe!", bist du oft gezwungen, die Situationen auszuhalten. 

Ich bin für sie verantwortlich!

Meist kommt hinzu, dass du zusätzliche Aufgaben im Haushalt und Alltag übernehmen musst, die dein Elternteil nicht mehr erledigen kann. Auch fängst du ihn emotional auf, indem du ihn tröstest, wenn er traurig ist, oder ihn beruhigst, wenn er Angst hat. Langsam geschieht etwas, das wie eine Rollenverschiebung ist. Du beginnst, dich für deine Mutter/deinen Vater verantwortlich zu fühlen. 

Muss ich mich entscheiden?

Du erlebst mehr Streitereien zwischen deinen Eltern und weißt nicht, zu wem du halten sollst. Du fühlst dich hin- und hergerissen. Ähnlich wie bei einer Scheidung, nur dass das Gefühl hinzu kommt, dass der eine von beiden auch noch krank ist.