Neue Selbsthilfegruppe für junge Erwachsene im Februar

Bei veRRückter Kindheit in der Beratungsstelle in Wien startet im Februar 2019 eine Selbsthilfegruppe für junge Erwachsene (18 - 30 Jahre), deren...

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Ein Erfahrungsbericht von Konstanze

Spiralen

Meine Mutter wurde psychisch krank, da war ich gerade mal 4 Jahre alt. Bis heute kann ich nicht verstehen, wie sie damals zu trinken anfangen konnte. Sie hatte ihr Glück doch (scheinbar) gefunden: Sie hatte einen guten Mann geheiratet, der weder Wert auf Gesellschaft in Kneipen Wert legte noch Geschmack an Alkohol fand, zudem hatte sie zwei Mädchen geboren –beide waren Wunschkinder.

Ich erinnere mich an viele schöne Augenblicke

Unsere kleine Familie war wundervoll, ich erinnere mich an viele Wochenenden auf Waldspielplätzen, Campingurlauben und gemeinsame Spielenachmittage. Ich erinnere mich auch an dieses Gefühl des „Geborgen-Seins“ und des „Geliebt-Seins“.

Das Glück war nicht für immer

Leider sollte unser Glück nicht für immer sein … Ich erinnere mich auch die Streitereien meiner Eltern, das Gebrüll und die Drohungen, den Dreck in der Wohnung – da meine Mutter mit dem Haushalt nicht mehr hinterherkam. Ich erinnere mich an die Heimlichtuereien meiner Mutter, sie konnte schon immer schlecht lügen – bis heute. Als meine Mutter begann im Keller heimlich zu trinken, brachte dies das Fass zum überlaufen.

Mein Vater erzählte mir vor wenigen Jahren, als meine Mutter anfing zu trinken und als sie beide erkannten, dass der Alkoholkonsum meiner Mutter zu einem bedrohlichen und ernst zu nehmenden Problem wurde, da wäre er nie auf den Gedanken gekommen, dass sie beide das nicht schaffen würden. Doch nach 2 Jahren gab mein Vater die Ehe auf und ließ sich scheiden. Das Sorgerecht für uns zwei Mädchen behielt natürlich er.

Meine Kindheit war belastet

Von da an fing meine Kindheit an zu bröckeln. Meine Mutter sank immer wieder ab, es folgten Exzesse und Suizidversuche – doch sie schaffte es auch immer wieder trocken zu werden, auch für mehrere Jahre. Dieses Auf und Ab ließ auch den Glauben, die Hoffnung und vor allem die bedingungslose Liebe zu meiner Mutter nicht weniger werden. Man darf meine Mutter nicht verurteilen, sie ist ein guter Mensch. Sie liebte uns Kinder immer mehr als alles andere auf der Welt, wir wussten, dass wir ihr Grund waren zu kämpfen.

In der Schule, in Sportvereinen und vor allem vor unserem Vater logen wir was den Zustand unserer Mutter betraf. Wir deckten sie. Das brachte mich schon sehr früh in eine Form der Co-Abhängigkeit.  Ich log, weil mir die Lügen besser gefielen als die Realität. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als „normal“ zu sein. Wenn ich bei Schulfreundinnen eingeladen war, und mir ein kurzer Einblick in andere Familien gewährt wurde, war ich immer am Boden zerstört. Ich hätte alles dafür getan, anders groß zu werden.

Heute bin ich groß. Doch ich bin immer noch das Kind einer psychisch erkrankten Frau –meiner Mama. Eine Mama die ich liebe, auch wenn ich sie oft hasste.

Das Leben als Angehörige - ein Grat zwischen Hoffnung und Enttäuschung

Das Leben als Angehörige – oder vor allem das „Groß-Werden“ als Angehörige ist ein schmaler Grat. Stets zwischen Hoffnung und Enttäuschung, Glück und Unglück, Freude und Leid, Sich-Sehnen und Abweisen, zwischen Unverständnis und Verständnis.

Doch heute, könnte ich die Zeit zurück drehen, würde ich nichts mehr ändern. Denn all diese Erfahrungen machen mich heute zu dem Menschen der ich bin. Diese Erfahrungen machen mich heute stärker als viele andere, meine Vergangenheit erlaubt mir eine andere Sicht auf das Leben, auf die Vergänglichkeit und auf die Zukunft. Eine gute Freundin sagte mir einst: „Das gute Leben ist ein Prozess, kein Zustand. Es ist eine Richtung, kein Ziel.“ Und so lebe ich heute im Prozess, meine Sinne gerichtet auf die Gegenwart, mein Herz bei mir und mein Tatendrang für mich. Denn das Leben eines jeden Menschen ist ein Weg zu sich selber hin. Und ich will weitergehen.

Konstanze

Name und Ortsangaben wurden aus Gründen der Anonymität geändert oder entfernt.


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